Veröffentlicht am 5. Juni 2024

Wir MÜSSEN reden!

Aktuell bringen sich viele Jugendliche und junge Erwachsene in große Schwierigkeiten, weil sie offensichtlich schnell dazu verleitet werden können, sich absolut inakzeptable und menschenverachtende Parolen zu eigen zu machen. Weil es aus ihrer Sicht vermeintlich „normal“ ist, singen sie wie z. B. auf einer öffentlichen Sylter Party ausländerfeindliche Parolen. Das Verhalten wird gefilmt und landet in den sozialen Medien. Die damit verbundenen nachträglichen schweren Konsequenzen wie Verurteilungen zu Geldstrafen oder der Verlust ihres Arbeitsplatzes erwischen sie dann oft völlig unerwartet.

Aber muss das überhaupt passieren?

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Menschenfeindliche Forderungen und ihre Folgen

Wäre es für die Gäste in der Bar auf Sylt auch möglich gewesen, sich nicht zu Parolen der übelsten Sorte hinreißen zu lassen?

Ja – aber nur durch ein gesellschaftliches Umfeld, das eben nicht so tut, als wären menschenfeindliche Positionen irgendwie normal oder gar amüsant. Es gibt viele Orte, an denen jeden Tag das Verständnis für ein angenehmes und verträgliches Zusammenleben gefördert werden kann: Im Elternhaus, im Sportverein, in der Schule, in Unternehmen, in der Politik, in den sozialen Medien.

Mit einem besser entwickelten Bewusstsein, dass inakzeptable Forderungen wie die nach der Ausgrenzung anderer Menschen Konsequenzen haben können (indem ich z. B. meinen Arbeits- oder Ausbildungsplatz verliere), wäre das unkontrollierte Verhalten auf Sylt vielleicht durch Vernunft ersetzt worden.

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Wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist…

…dann müssen wir es wieder hochziehen!

Im übertragenen Sinne bedeutet das, wir MÜSSEN miteinander reden.

Es gibt dabei aber eine Hürde:
Das in den Brunnen gefallene Kind weiß, dass es gerade in den Brunnen gefallen ist und es Hilfe bekommen hat, um aus der gefährlichen Situation herauszukommen.
Wenn ein Kind allerdings in den „Brunnen inakzeptabler Meinungen“ gefallen ist, fehlt das Bewusstsein dafür in den meisten Fällen.

Im ersten Fall gibt es vermutlich eine natürliche Gesprächsbereitschaft, im zweiten Fall muss diese erst geschaffen werden.

Aber wie kann das gehen, wenn dabei etwas thematisiert werden muss, das den eigenen Normen und Werten völlig entgegensteht?

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Ein Lösungsansatz: wieso, weshalb, warum

Normalerweise werden wir plötzlich und unvorbereitet mit einer inakzeptablen Aussage oder menschenfeindlichen Meinung konfrontiert. Uns bleibt dann erstmal das, was schon die Sesamstraße gelehrt hat: fragen, fragen, fragen!

Wenn wir unfreiwillig mit solchen Positionen konfrontiert werden, haben wir auch das Recht, diese zu hinterfragen. Dabei geht es nie darum, eine inakzeptable Meinung auszudiskutieren, sondern mit unseren Fragen diejenigen zu irritieren und zum Nachdenken zu zwingen, die uns mit ihrer Meinung konfrontieren.

Fragen sind ein scharfes Schwert und können sehr entlarvend sein. Sie machen stutzig, irritieren, regen zum Nachdenken an:

  • Wie bist du zu der Meinung gekommen?
  • Gibt es begründete Fakten (keine Behauptungen), mit denen du deine Meinung untermauern kannst?
  • Wann und wo ist das Behauptete passiert (Belege)?
  • Kann ich mir die Fakten selbst ansehen?
  • Was wäre aus deiner Sicht eine gerechtere Lösung als der von dir kritisierte Zustand?
  • Warum wäre diese Lösung gerechter?
  • Gibt es dafür Beispiele?

Wenn es gut geht, können aus den Fragen Einsichten entstehen, die zu einer Neubewertung von inakzeptablen Meinungen führen.

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Unverträglich – eine Gesellschaft ohne Vertrag

Egal aus welcher demokratisch orientierten politischen Richtung man kommt, gibt es immer ein verbindendes Element. Wir halten uns nämlich alle an die unterschiedlichsten Vereinbarungen, weil wir das für uns persönlich oder für die Gesellschaft als sinnvoll erkannt haben:

  • Wir spielen keine Gesellschaftsspiele, ohne die Spielregeln zu kennen – das macht keinen Spaß.
  • Wir setzen uns nicht zu jemandem ins Auto, der oder die sich nicht an die Verkehrsregeln hält – das ist lebensgefährlich.
  • Wir kaufen keine Produkte oder Lebensmittel, die nicht nach bestimmten Standards produziert wurden – das ist gesundheitsschädlich.
  • Wir wählen keine Parteien, deren Ziel die Zerstörung des friedlichen gesellschaftlichen Zusammenlebens ist – die Folgen sind uns ja bekannt.

Regeln sind in Verträgen, Vereinbarungen oder Gesetzen zusammengefasst. Wir können darauf bestehen, dass sie eingehalten werden. Wir haben sogar ein Recht darauf und das gibt uns die nötige Sicherheit, friedlich zusammenzuleben.

In der Lega S Jugendhilfe folgen wir den Regeln eines humanistischen Menschenbildes. Wir arbeiten frei von ethnischen, kulturellen, religiösen und sozialen Festlegungen und setzen uns für eine zukunftsfähige, nachhaltige Gestaltung unserer Gesellschaft ein. Wir wenden uns gegen politischen Extremismus, Ausgrenzung und Diskriminierung und setzen uns für eine lebendige demokratische Gesellschaft ein.

Die Einhaltung von Spielregeln führt zu Verträgen und die machen aus einem ansonsten unverträglichen eben ein verträgliches Zusammenleben – gesellschaftlich und persönlich. So wird das Leben lebenswert – für alle!

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Informative Websites

Weiterführende Infos zum Umgang mit Rechtsextremismus und menschenverachtenden Meinungen gibt es hier:

6 Aktivitäten, die man einfach machen kann (zu www.rnd.de)

Strategien zum Umgang mit Rechtsextremismus (www.bpb.de)

Projekte der Amadeu Antonio Stiftung (www.amadeu-antonio-stiftung.de)